Das Dschungelbuch
Eine paradiesische Vorstellung

Das Dschungelbuch wurde am Montag und Mittwoch der letzten Schulwoche von unserem Mittelstufentheater aufgeführt. Die Intendantin Britta Lüpke setzt dabei die Tradition des EWGs als einer Kultur- und Theaterschule fort.
Es ist der Traum von einem Leben des Menschen mit der Natur. Einem Paradies, aus dem der Mensch nicht ausgeschlossen ist, sondern in dem er noch die Sprache der Natur, die Sprache der Tiere spricht. Eine solche Sprache kann ein Mensch nur sprechen, wenn er in diesem Paradies aufwächst und er das Meisterwort kennt. Der Menschenjunge Mogli wächst in diesem Paradies auf und lernt von seinem Lehrer Balu, dem Bär, das Meisterwort, das ihn mit dem Paradies verbindet. Das Paradies ist jedoch von Anfang an für den Menschenjungen gefährdet. Mogli gehört eigentlich in die Welt der Menschen. Die Geschichte von diesem Wandler zwischen den Welten, der sich langsam aus dem Paradies, dem Dschungel entfernt, hat die Intendantin des Mittelstufentheaters Britta Lüpke einfühlsam auf die Bühne des EWGs gebracht. Nicht zuletzt ist die Geschichte des Menschenjungen Mogli auch eine Geschichte des Erwachsenwerdens, in der die kindlichen Vorstellungen und Fantasien durch rationale Entscheidungen ersetzt werden. Als Erziehungsgeschichte für die ganze Familie lag Britta Lüpke das Stück besonders am Herzen. Viele Kinder und Familien saßen deshalb in und vor den Zuschauerbänken und waren amüsiert vom Bären Balu (Tara Merkelbach), hypnotisiert von der Schlange Kaa (Anuscha Höhn), fasziniert vom klugen Baghira (Anaīs Lüpke), verängstigt vom Tiger Shir-Khan (Alessa Grund) und schließlich ganz angetan von Mogli (Henrik Mauss). Den Rahmen für die Hauptfiguren bildeten die beiden konträren Tiergruppen, der »sentimentalischen« Wölfe auf der einen und der »naiven« Affen auf der anderen Seite, die die Zuschauer durch Erdnussgeschosse und Brüllattacken in das Geschehen miteinbanden. Dabei war natürlich der Star des Abends Mogli, den Henrik Mauss überzeugend darstellen konnte. Das Einfühlungsvermögen in eine kindliche Sicht auf die Welt und die Heranführung des Zuschauers an diesen Charakter ist ihm hervorragend gelungen. Aber der Applaus galt am Ende nicht nur ihm, sondern auch den originellen Masken, der kreativen Bühnengestaltung und der teilweise selbst komponierten Musik. Der Zuschauer wurde durch diese audiovisuellen Effekte von Beginn bis zum Ende regelrecht in den Dschungel ausgesetzt.
Nach der erfolgreichen schwarzen Komödie »Arsen und Spitzenhäubchen« im letzten Herbst wollte Britta Lüpke nicht mit ihrem eigenen Stück konkurrieren und wechselte deshalb in ein anderes Genre. Dieser Wechsel ist ihr trotz des knappen Probezeitraums mit den Schülern und der dadurch bedingten Schwierigkeiten gelungen. »An der Choreographie mussten wir noch bis kurz vor Beginn feilen«, so Britta Lüpke. »Die Schwierigkeit war deshalb für jeden Einzelnen, die Veränderungen in der Erinnerung zu behalten.« Mit dem Dschungelbuch hat Britta Lüpke bewiesen, dass sie nicht nur in einem Genre in kürzester Zeit eine erfolgreiche Inszenierung auf die Bühne bringen kann. Dabei führt Britta Lüpke, die als Schülerin selbst im EWG bei Wolfgang und Gisela Rosenzweig das Theaterhandwerk gelernt hat, zusammen mit der Lehrerin Barbara Mühlen, die das Oberstufentheater übernommen hat, die erfolgreiche Tradition des EWG fort. Das EWG wird deshalb seinem Ruf als einer kreativen Kultur- und Theaterschule wiedereinmal gerecht. Zurecht verteilte der Schulleiter des EWGs Ralph Schröder am Ende Rosen an die ganze Theatertruppe. Das EWG und die Bürger Schwäbisch Halls freuen sich auf mehr.
Nikolai Häußermann
Ein kleiner Bilderreigen: Matthias Imkampe













