Erasmus Widmann

Erasmus Widmann (15.09.1572 – 31.10.1634)

Dem weitverzweigten Geschlecht der Widmanns gehörten schon vor Erasmus eine Reihe meist in Schwäbisch Hall wirkender bedeutender Persönlichkeiten an, vorwiegend Juristen und Geistliche. Von all diesen Widmanns (Urgroßvater, Großvater und Vater des Erasmus) wurde allerdings kein Fall musikalischer Betätigung oder Begabung bekannt.

Erasmus Widmanns Bildungsgang begann wohl in der Lateinschule seiner Heimatstadt Hall. Hier erwarb er sich auch erste theoretische und praktische Kenntnisse in der Musik. 1589 wurde er an der Universität Tübingen immatrikuliert. 1590 wurde er zum Baccalaureus (heute Bachelor) promoviert. Ob Erasmus Widmann entsprechend der Familientradition ursprünglich Jurist oder Geistlicher werden sollte und auf welche Weise er zur Musik fand, ist unbekannt. Es ist anzunehmen, dass er die Zeit von 1591 bis 1594, in der er weder in Tübingen noch in Hall nachzuweisen ist, zum Studium der Musik verwendet hat. Jedenfalls erhielt er 1595 in Eisenerz (Steiermark) seine vermutlich erste Anstellung als Organist. Als 1595 die Organistenstelle an der Stiftskirche Graz frei war, sandte er am 19. Juli 1596 ein lateinisches Bewerbungsschreiben und wurde noch im gleichen Monat angestellt. Nachweislicher Beschwerden über eine allzu weltliche Musizier- und Kompositions-Weise konnte Widmann Herr werden.

Im Herbst 1598 musste er mit seiner Frau jedoch im Zuge der Gegenreformation in der Steiermark wie alle evangelischen Geistlichen und Lehrer Graz verlassen. »Von Geld entblößt«, wandte sich Widmann in seine Vaterstadt Schwäbisch Hall. Seine Bewerbung um eine Lehrerstelle an der städtischen Lateinschule wurde 1599 als Lehrer und Kantor mit 50 Gulden Jahressold angenommen. Trotz Erbschaften gestaltete sich jedoch seine wirtschaftliche Lage auf die Dauer nicht günstiger, so dass er einer Berufung als Lehrer und Organist an den Hof des Grafen Wolfgang von Hohenlohe-Langenburg in Weikersheim folgte. 1602 wurde er hier angestellt und 1607 zum Kapellmeister der gräflichen Hofkapelle mit 104 Gulden Besoldung. 1613 nahm er die Stelle eines Lehrers und Kantors der vierten Klasse an der Lateinschule der Freien Reichsstadt Rothenburg ob der Tauber an, wo er bis zu seinem Tode wirkte. Neben dem Schuldienst leitete Widmann zunächst die Kantorei; 1614 wurde er auch noch zum Organisten der St. Jakobskirche ernannt. Der 30-jährige Krieg überschatteten seine letzten Lebensjahre und ließen auch seine schöpferische Kraft verstummen. Er wurde ein Opfer der Pest, die 1634 zum dritten Mal in Rothenburg wütete.

Erasmus Widmann gehört zu den interessantesten deutschen Musikerpersönlichkeiten des 17. Jh. Nicht nur als Organist, Kapellmeister und Organisator leistete er in seinen Wirkungsbereichen Bemerkenswertes, sondern vor allem überrascht sein musikalisches Gesamtwerk durch Vielseitigkeit wie durch Neuartigkeit der Details. Als einer der ersten deutschen Komponisten pflegte er die Instrumental-Kanzone und förderte entscheidend die Herausbildung dieser Gattung. Unabhängig von Vorbildern belebte und festigte er die Form, auf kontrastreichen, leicht überschaubaren Wechsel von polyphonen und satztechnisch freieren bzw. akkordischen Abschnitten bedacht.
Dieter Härtwig in: MGG1 Bd. 14, S. 577 ff. (gekürzt, mit freundlicher Genehmigung des Bärenreiter-Verlags Kassel)