Der Sandmann – Zwischen Wahn und Wirklichkeit

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Im Kontrast zur letztjährigen komödiantischen Aufführung hat sich die Oberstufentheater-AG des Erasmus-Widmann-Gymnasiums unter der Regie von Barbara Mühlen in diesem Jahr dem schaurigen Grusel verschrieben.  E.T.A. Hoffmanns Erzählung „Der Sandmann“, in der Bearbeitung von Jürgen Heimansberg, ist kein Theaterstück für kleine Kinder und zartbesaitete Naturen.

In einem zehnminütigen Intro bewegen sich zu dem psychedelischen Lied The End (The Doors) skurril gekleidet und geschminkte Akteure quer durch die Aula, wahnwitzig grinsend auf der Suche nach irgendetwas. Erst als die Musik verstummt und ein lautes Türschlagen die auf der Bühne verstreuten Akteure aus ihrer Trance holt, wird dem Zuschauer die Szenerie einer Nervenheilanstalt deutlich.  Damit ist die Atmosphäre für die eigentliche Bühnenhandlung geschaffen. Es beginnt ein ständiger Wechsel zwischen Realität und den Wahnvorstellungen Nathanaels, der Hauptperson der Erzählung.

Als schreibender Student – erste Figur der Hauptperson (David Michalik) – erzählt Nathanael – außerhalb der Bühne auf einer Art Laufsteg – in Form eines Briefes an seine Verlobte Clara seine traumatische Kindheit. Die Nachblenden werden in einzelnen Episoden auf der Bühne gespielt. Als Kind – zweite Figur der Hauptperson (Constantin Horrer) – macht Nathanael Bekanntschaft mit Coppelius (Minou Dehghan Manschadi), einem Bekannnten seines Vaters, im elterlichen Haus. Diese Begegnung lässt in ihm die Vorstellung des personifizierten Sandmannes entstehen, der Kindern die Augen herausholt. Diese Gruselvostellung, noch geschürt durch die Märchen seiner Amme und Mutter (Marie-Therese Winter, Vera Kristin Hörner), verfestigt sich zu einer fixen Wahnvorstellung und eskaliert schließlich in krankhaftem Fieberwahn, als sein Vater bei einem alchemistischen Experiment mit Coppelius ums Leben kommt. Hier agiert nun die dritte Figur der Hauptperson auf der Bühne, der verwirrte, vom Wahn getriebene Nathanael (Michael Jannsen) – fortan omnipräsent und in jeder Situation absolut überzeugend! Überall tanzen Augen um ihn herum, Augen, die vom Sandmann herausgerissen  worden sind. Sehr effektvoll kreisen auf einer dunklen Bühne plastische Augen mit fluoreszierender Farbe (gefertigt von Hedwig Maier und Heiko Marenda) und im Hintergrund bewegt sich in einem überlebensgroßen Schattenspiel der Sandmann alias Coppelius (Minou Dehghan Manschadi), ein hexenartiger Quasimodo.

Zeitweise Linderung seines Zustandes erfährt Nathanael nur durch seinen treuen Freund Siegmund (Benjamin Zerrer) und seine Verlobte Clara, die einerseits verständnis- und liebevoll auf ihn einwirkt (Hannah Machajdik), andererseits ihn kühl-argumentativ zur Raison bringt (Hannah Lilienfein). Doch sein Trauma der Kindheit holt ihn ein. In dem Wetterglashändler Coppola (Mira Spurek) – ebenso hexenartig in Aussehen und Sprache – meint er Coppelius wiederzuerkennen. Fortan begleiten ihn die beiden Figuren wie Schatten. Die schöne Olimpia (Amara Thomas Saavedra), Tochter seines Professors Spalanzani (Samira Wirtz), raubt ihm schließlich den Verstand. Als einziger erkennt er – Pygmalion gleich – in der als Automat konstruierten Holzpuppe seine Traumfrau, der er kraft seiner Gefühle für einen Moment Leben einhauchen kann. Für die anderen hingegen ist der aufgeflogene Schwindel der konstruierten Olimpia Stadtgespräch. Sie zerreißen sich das Maul und müssen doch erkennen, dass eine von ihnen selbst kurzzeitig zum Automaten mutiert. Und hier verschwimmen endgültig die Ebenen der Wahnes und der Realität, die Sichtweise des Wahnsinnigen von dem des „Normalen“. So endet das Stück, wie es begonnen hat, in der Nervenheilanstalt: Nathanael in tiefem Schlaf, nachdem er im Wahn Clara vom Turm gestoßen hat, inmitten der anderen.

Der Schauspielgruppe um Barbara Mühlen gelingt es, durch Musik, Bühnenbild und überraschende Effekte einerseits, durch ihre schauspielerischen Fähigkeiten andererseits eine komplexe Handlungsstruktur anspruchsvoll in Szene zu setzen.

Klaus Hirschmann

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