Die Hagenbachhalle war mit Lichtergirlanden und dekorierten Tischen für die feierliche Zeugnisübergabe festlich hergerichtet. Der diesjährige Abiturjahrgang hatte sich alle Mühe gegeben, seinen Familien, Angehörigen, Freundinnen und Freunden sowie den Lehrkräften ein angemessenes Ambiente zu bereiten. So waren auch sie selbst sehr festlich gekleidet – die Damen in langen Roben, die Herren in Sakko oder Anzug – und in fröhlicher Erwartung, ihr Abiturzeugnis in den Händen halten zu können. Doch bis dahin mussten sie noch fiebern, was bei den hochsommerlichen Temperaturen durchaus auch wörtlich zu nehmen war.
„Klein, aber fein“, so charakterisierte der kommissarische Schulleiter Jochen Uhrhan den diesjährigen Abiturjahrgang. Seine kurze Schulhistorie in Zahlen zeigte, dass der Rückgang von anfänglich weit über 90 gestarteten Fünftklässlern auf 60 Abiturientinnen und Abiturienten am Ende zwar recht normal sei, das Ergebnis der Abiturleistungen mit einem Schnitt von 2,1 aber über dem Landesdurchschnitt liegen werde. Obgleich er in seiner kurzen Interimsamtszeit als Schulleiter die Schülerinnen und Schüler logischerweise nicht kennen könne, nahm er als verbindendes und prägendes Erlebnis die diesjährige „Rede an die Jugend“ als Anknüpfungspunkt, ihnen für die Zukunft den Mut, die Stärke und die Freundlichkeit zu wünschen, die der in jeder Hinsicht außergewöhnliche Matthias Berg in seinem Auftritt vor der Schulgemeinschaft verkörperte.
Barbara Mühlen hingegen hatte durch die Übernahme von zeitweise zwei Leistungskursen in Deutsch und ihre Tätigkeit als Literatur- und Theaterpädagogin eine weit intensivere Beziehung zu diesem Jahrgang und wurde daher gebeten, die traditionelle Rede einer Lehrkraft zu übernehmen.
„Hier trennen sich unsere Wege“. Dieser Hinweis auf die einschneidende Zäsur, die das Abitur auch bedeutet, setzte den Akzent für einen Rück- und Ausblick, Sinn und Zweck der Schule. Beginnt doch alles mit einer Zweckgemeinschaft, in der sich Schülerinnen und Schüler und Lehrkräfte einander ausgesetzt sind, können sich daraus freundschaftliche Beziehungen entwickeln, die ein Leben lang halten. Letztlich sei jeder selbstverantwortlich, die passenden Beziehungen zu wählen. Aber ohne Gemeinschaft oder Freundschaft gehe es weder in der Schule noch im späteren Leben. In einer schwierigen und komplexen Zeit müsse jeder seinen Platz und seine Haltung einnehmen, mit Selbsterkenntnis und kritischem Urteilsvermögen. Die Institution Schule habe dafür den Grundstein gelegt, den Weg zu gehen sei die eigene Entscheidung.
Die diesjährige Scheffelpreisträgerin Sarah Walter sprach ihren Mitschülerinnen und Mitschülern in ihrer emotionalen Rede Mut und Zuversicht zu. „You’re strong, you’ll make it“ hatte sie sich auf ein Post-it als ihre persönliche Motivation geschrieben in ihrer wohl schlimmsten Zeit: Sie musste zwei große Operationen über sich ergehen lassen, das Laufen wieder neu lernen, und lange Fehlzeiten in der Schule stellten ihre Schullaufbahn in Frage. Dass sie trotzdem mit ihren Freundinnen und Freunden zusammen das Abitur feiern könne, sei Ausdruck ihrer Überzeugung, jede Herausforderung anzunehmen und für das Ziel zu kämpfen. „Man muss das Unmögliche versuchen, um das Mögliche zu erreichen“ – dieses Hermann-Hesse-Zitat machte sie zu ihrem eigenen Motto. Sie illustrierte ihre Gedanken in dem schönen Bild des kreativen Schreibens. Jeder Anfang brauche einen mutigen Satz, aus dem sich die Geschichte entwickele, ohne vorher zu wissen, wie sie ausgehe. Wir seien zugleich Autor und Protagonist und hätten die Entscheidung – wenn auch nicht frei von äußeren Umständen – über den weiteren Verlauf der Geschehnisse. Und mit dem Abitur schließe ein Kapitel, es werde aber zugleich ein neues geöffnet.
Die drei skizzierten Redebeiträge waren Teil eines dreistündigen Programms, das Ida Schilling und Edita Khurshudyan gekonnt moderierten. Den musikalischen Rahmen bildeten dabei ganz unterschiedliche Beiträge. Zur Eröffnung trat der Musik-LK mit Beauty and the Beast, How high the moon und Sonnenuntergang auf, zwischen den Redebeiträgen spielten Rabia Cirak und Jule Podehl im Violinenduett Experience von Ludovico Einaudi, der Chor sang ein Medley seiner Lieblingslieder unter Leitung und Arrangement von Julia Dikic und Jule Podehl, Rabia Cirak und Edita Khurshudyan traten mit All I Ask im Gesangsduo auf, und Robert Wutke spielte mit dem Musik-Basiskurs das selbst gedichtete „Die Welt ist groß, gehen wir los“ auf die Melodie von Country Roads zum Abschluss.
So war ein würdiger Rahmen geschaffen für den eigentlichen Hauptteil des Abends: Die Zeugnisübergabe, die Jochen Uhrhan in zwei Blöcken übernahm. Von ihrem Wunschlied begleitet, wurden die Abiturientinnen und Abiturienten paar- oder gruppenweise auf die Bühne gerufen, ein Kinderfoto von jedem einzelnen eingeblendet und ein „Starfoto“ mit Zeugnis auf der Bühne gemacht. Hier hatten die Angehörigen auch die Gelegenheit, selbst diesen wichtigen Augenblick fotografisch festzuhalten. Zusammen mit dem Zeugnis erhielten sie auch von den Abteilungsleiterinnen Charlotte Engelhardt und Stephanie Zigan das Geschenk des Erasmus-Widmann-Gymnasiums: Ein Kartensatz mit dem Namensgeber der Schule und dreißig Fragen, die die Lehrkräfte für die Schülerinnen und Schüler gesammelt und als Erinnerungsstück gedacht haben, in naher oder ferner Zukunft darüber zu diskutieren, zu schmunzeln, nachzudenken.
Zum Abschluss moderierte die Abteilungsleiterin Melanie Hölzel die Preisvergabe: In beinahe jedem Fach werden jährlich herausragende Leistungen mit Sachpreisen vergeben, die außerschulische Stiftungen, Vereine bzw. Gesellschaften oder der Freundeskreis des Erasmus-Widmann-Gymnasium stiften. Bei einem erfolgreichen Jahrgang wie diesem war die Liste der Preisträger entsprechend lang.
Wir gratulieren allen Abiturientinnen und Abiturienten ganz herzlich und drücken die Daumen für ihren weiteren Lebensweg.
Bericht: Klaus Hirschmann
Bild: Matthias Imkampe
