„Ganz frei und offen mal jemand anderes sein“ – Ein Gespräch mit Nele Rößler über Schauspielerei als Beruf

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Nele Rößler kam am 28.06.2002 in Stuttgart zur Welt. Aufgewachsen in Geißelhardt, wo ihr Vater als Pfarrer tätig war, lebt sie seit 8 Jahren mit ihren Eltern und ihren beiden Geschwistern in Schwäbisch Hall. Sie besucht das Erasmus-Widmann-Gymnasium und macht gerade ihr Abitur. Nele hat die Aufnahmeprüfung an der renommierten Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin erfolgreich bestanden – um die 25 Plätze kämpfen jedes Jahr ca. 1000 Bewerber. An der Ernst Busch haben hochkarätige Schauspieler wie Corinna Harfouch, Nina Hoss, Jan Josef Liefers oder Matthias Schweighöfer ihr Handwerk gelernt.

 

Wie bist du zum Theater gekommen?

Seit ich in Schwäbisch Hall wohne, spiele ich intensiver Theater. Ich war aber schon in der Grundschule in einem Musicalchor, da hat das angefangen, dass ich meine Leidenschaft fürs Singen entdeckte und das auf-der-Bühne-stehen gut fand.

Ich war dann am EWG in der Unterstufen-Theater-AG und bin mit 13 über ein Bürgercasting zum Stück Die Tochter des Salzsieders gekommen. Christoph Biermeier wollte mit Leuten aus Hall arbeiten, ich wurde genommen und habe zwei Jahre auf der Treppe gespielt – eigentlich nur Statistenrollen mit wenig Text, aber da hat das angefangen, dass ich das beruflich machen will.

Was hat dich da fasziniert?

Das war einfach eine ganz besondere Atmosphäre, weil die Schauspieler uns voll einbezogen haben. Dadurch dass auch noch die Sieder dabei waren, war das immer ein richtiges Spektakel. Ich war auch ganz fasziniert von Christoph Biermeier. Ich fand das cool, mit so jemandem arbeiten zu dürfen. Er hat meinem Papa auch gesagt, dass ich ein gewisses Talent habe. Zu mir hat er trotzdem gemeint, dass ich es besser nicht beruflich machen soll, weil es ein harter und auch unsicherer Job ist. Dass mir jemand diese Option überhaupt vor Augen führt, hat trotzdem eine gewisse Wirkung hinterlassen.

Du hattest also schon damals den Plan, Schauspielerin zu werden?

Ja, ich habe in der Zeit viel mit den Schauspielern über ihren Werdegang unterhalten und auch einen Kontakt zu dem Stuttgarter Schauspieler Vilmar Bieri bekommen, der mir jetzt viel in der Bewerbungsphase zur Schauspielschule geholfen hat.

Es gab allerdings nie einen konkreten Auslöser für meine Entscheidung. Eigentlich war mir immer klar, dass ich das machen will. Schon vor den Freilichtspielen wusste ich, dass ich etwas machen möchte, bei dem ich die Leute begeistern kann und wo ich etwas von mir mitteilen darf.

Wie meinst du das „etwas von mir mitteilen“?

Ich glaube dass Schauspielerei ein Beruf ist, der sich mit gesellschaftlichen Themen und der Psyche von Menschen auseinandersetzt. Mich interessiert immer, wie sich ein Mensch in einer bestimmten Situation fühlt. Als Schauspieler darf man ganz frei und offen mal jemand anderes sein. Ich glaube jeder von uns hat ein Stück weit unterschiedliche Persönlichkeiten, abhängig von der Situation. Und da kann ich das mitteilen was ich fühle, da merke ich dass ich andere Seiten von mir rauslassen darf, oder auch Thematiken spielen darf, die mich umtreiben. Zum Beispiel der Monolog von Gretchen aus Faust, wo es eben auch darum geht, was mit jungen Frauen passiert, wenn sie unter Druck stehen.

Was hast du denn gerade für einen Druck?

Ich habe ja jetzt Abitur. Schule ist immer ein Druck für mich. Ich glaube ich bin jemand, der sich selber in jeder Hinsicht Druck macht, sei es was passiert mit mir beruflich oder was kann ich der Welt von mir geben? Lebensdruck habe ich generell. Ich habe immer das Gefühl, ich mache nicht genug, sei es fürs Klima oder was auch immer. Oder ich muss was machen, damit ich liebenswerter bin.

Du könntest ja jetzt ganz entspannt ins Abi gehen. Deine Zukunft ist ja in geordneten Bahnen.

Das stimmt. Es fällt mir aber schwer, diesen Enthusiasmus und die Entspanntheit mitzunehmen, die ich nach meiner Zusage hatte. Ich bin doch recht schnell wieder im Alltagsstress angekommen.

Haben schulischen Noten in der Bewerbung überhaupt eine Rolle gespielt?

Da es eine Hochschule ist, braucht man schon eine Zugangsberechtigung, aber über Noten wurde nie konkret gesprochen.

Wie lief das Bewerbungsverfahren ab?

Ich habe gehört, dass sich selbst richtig gute Schauspieler jahrelang für Schauspielschulen bewerben bis es klappt. Deshalb dachte ich, ich versuche es einfach und wenn es nichts wird, dann gehe ich ein Jahr reisen. Die Ernst Busch habe ich ausgesucht, weil mich Berlin reizt und die Schule einen guten Ruf hat.

Die Anmeldung lief über ein Onlineportal, und zwischen Oktober und Januar wurden dann jede Woche ca. 70 Bewerber gesichtet. Insgesamt bewerben sich ja über 1000 Leute jedes Jahr. In der ersten Runde musste ich zwei Monologe spielen und ein Lied singen.

Ich hatte zum Glück mit Barbara Mühlen eine Mentorin, die nicht nur geeignete Monologe mit mir ausgesucht und geprobt hat, sondern mich auch seelisch unterstützt hat. Ohne Frau Mühlen wäre ich wahrscheinlich nicht angenommen worden. Sie war wirklich sehr kostbar für mich.

Ich habe mir dann einen Monolog aus Die Heiratsvermittlerin ausgesucht, weil ich das schon im Schultheater gespielt habe und dann einen Monolog der Hekabe, eine trojanische Königin, die mit Troja den Krieg verliert. Da hat mich Frau Mühlen drauf gebracht, weil ich neben meiner Komödie noch was Dramatisches wollte. Ich hatte das Gefühl dass es Sinn macht, mehrere Facetten zu zeigen. Gesungen habe ich dann noch Herr Reimer von Philipp Poisel. In der letzten Runde kam dann noch die Rolle des Gretchen aus Faust dazu. Da habe ich den Dialog in der Kerkerszene abgewandelt.

Was war während der Schulzeit deine Lieblingsrolle?

Das ist schwer. Jede Rolle macht einem irgendwie viel Spaß. Aber ich mochte Der Kleine Prinz sehr, weil ich da so viele unterschiedliche Rollen spielen konnte und am Ende auch den kleinen Prinzen, so eine kindliche Rolle, aber dennoch total weise. Wir waren nur zu dritt und ich durfte meine Ideen bei der Entwicklung des Stücks einbringen. Frau Mühlen hat uns da stark einbezogen. Das habe ich sehr genossen. Eigentlich ist Der Kleine Prinz ja ein Buch, das wir für die Bühne umgeschrieben haben.

Wo merkst du bei dir eine Fortentwicklung?

Als ich bei den Freilichtspielen gesehen habe, wo das beruflich hingehen könnte, bin ich in der 10. Klasse ins Oberstufentheater gegangen. Frau Mühlen hat mir vor allem im mentalen Bereich geholfen, in manchen Sachen lockerer zu werden oder eine Rolle einfach anzunehmen, auch wenn sie einem teilweise noch schwerfällt.

Hast du dafür ein Beispiel?

Ja, die Rolle der Hekabe hat viel zu tun mit Trauer und Wut, und mir fällt es sehr schwer, wütend auf Menschen zu sein. Ich bin eher jemand, der sich direkt entschuldigt anstatt Leuten einen Vorwurf zu machen. Und da hat sie ganz viel mit mir dran gearbeitet. Auch so dass ich dann weinen muss, aber das tut mir gut, wenn ich bei Leuten bin die das herausfordern aber respektvoll mit mir umgehen. Erst nachdem ich durch so einen Prozess mit Weinen und Wut über mich selbst ging, konnte ich wütend in der Rolle sein und mich weiterentwickeln.

 

 

 

 

 

Wut über dich selbst, weil du nicht wütend sein kannst?

Ja (lacht)

Was glaubst du, weshalb du genommen wurdest? Hast du eine Rückmeldung bekommen?

Wir hätten ein Feedback bekommen können, aber in der zweiten Runde war ich so überwältigt, dass ich darauf verzichtet habe. Nach der ersten Runde meinte eine Dozentin, dass sie sehr berührt hätte, dass ich in meinem jungen Alter schon so erwachsene Rollen spielen kann.

Ich kann mich gut in andere Menschen einfühlen, und die Hingabe zu einer Rolle bekomme ich meist schnell hin. Und vielleicht kauft man mir das dann auch ab.

Wie läuft die Ausbildung ab?

Die Ausbildung dauert vier Jahre. Wir haben z.B. Sprecherziehung, Liedinterpretation, Akrobatik und Tanz, aber auch Fechten. Da bin ich mal gespannt, warum. Vielleicht geht es da um Körperspannung oder das schnelle Reagieren. Wir kriegen ganz viel Handwerkszeug, damit wir dann später bei der Bewerbung an Theaterhäusern aus dem Vollen schöpfen können.

Ist die Ausbildung rein aufs Theater ausgerichtet oder auch auf den Film?

Ich denke wir lernen verschiedene Methoden, wie man an Theater herangehen kann, also die Frage wie man den Zuschauern das präsentiert was man macht, etwa Stanislawski oder Brecht. Das was man lernt kann man auch beim Film anwenden, aber der Schwerpunkt ist wohl Theater.

Wäre Film ein Bereich, der dich reizen würde?

Am Theater mag ich die direkte Reaktion des Publikums total, aber mich würde Film schon auch sehr reizen. Ich glaube, da setzt man sich ganz anders mit Rollen auseinander, weil man sie szenenweise darstellt.

Worauf freust du dich am meisten in Berlin?

Auf die Leute, mit denen ich da arbeiten werde. Menschen, die so ähnlich ticken wie ich, die den gleichen „Kern“ haben, die selbe Vorstellung davon was sie mit ihrem Leben machen wollen. Das gab es in Schwäbisch Hall nicht so oft.

Du sagst „den gleichen Kern“. Hast du eine Art Lebensphilosophie?

Ich habe jetzt nicht so einen Leitsatz, aber so prinzipiell das Bedürfnis, etwas Gutes in die Welt zu tragen. Ich glaube, dass ich meinen Beruf schon auch dafür nutzen will, sei es nur um den Leuten die Augen in bestimmten Bereichen zu öffnen. Schon auch mal provokativ, aber mit dem Ziel, dass sich Leute Gedanken machen über gesellschaftliche Prozesse und die Welt, in der wir leben.

Gibt es etwas, das dir Sorgen macht?

Ich mache mir schon Sorgen, so ganz allein in so einer großen Stadt zu leben. Ich hab manchmal Angst, dass mir dann was passiert. Ich führe ja auch eine Beziehung, da ist das auch immer die Frage wie das ist mit Entfernungen.

Interview: Jochen Schmidt

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