Aus der Geschichte gefallen

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Die Tintenwelt-Trilogie von Cornelia Funke wurde zum Weltbestseller und inzwischen in 23 Sprachen übersetzt. „Tintenherz“ (Band 1) war in diesem Frühjahr in der Aula des Schulzentrum West in der Bühnenversion von Robert Koall zu sehen. Das Tanztheater und das Mittelstufentheater des Erasmus-Widmann-Gymnasiums erzählten die Geschichte des Buchbinders Mo und seiner Tochter Meggie.

Mo (Dario Zuber) hat eine rätselhafte Begabung – er kann Geschichten zum Leben erwecken. Gegenstände und Figuren gelangen aus Büchern in die reale Welt, wenn er aus ihnen vorliest. Der zwölfjährigen Meggie (Maya Schuhmacher) hat der Buchbinder nie von seiner Fähigkeit erzählt und er hat ihr nie aus Büchern vorgelesen. Vor vielen Jahren gab es einen schicksalhaften Vorfall, bei dem er seiner Frau Resa aus dem Buch Tintenherz vorlas. Resa verschwand in der Geschichte, und Figuren aus dem Roman wurden Wirklichkeit.

Hier beginnt das Theaterstück. Hauptelemente des Bühnenbilds sind große Holzrahmen, die wie große, gebundene Bücher wirken. Regisseurin Britta Lüpke gelingt ein wunderbarer Prolog, in dem die Tänzerinnen (Sarah Bieder, Constanza Heinrich, Jana Hornung, Natalie Schuster und Naemi Tsehaye) zu melancholisch-düsterer Musik aus den Rahmen steigen und zum Leben erwachen. Etwas Bedrohliches schwingt in ihrem Tanz mit, eine Vorahnung bevorstehenden Unheils.

In einer regnerischen Nacht kommt ein Mann namens Staubfinger (Jan Karadavut) zu Mo nach Hause und warnt ihn vor dem psychopathischen Erzbösewicht Capricorn (Simon Sander), der alle verbliebenen Tintenherz-Exemplare zerstören will, um nie mehr in die Tintenwelt zurückzumüssen. Eines der letzten Exemplare befindet sich bei Mo, der daraufhin mit Meggie zu Tante Elinor flieht. Ein Entkommen vor Capricorn und seinen diabolischen Handlangern gibt es jedoch nicht – sie werden gejagt, gefangen, bedroht und Mo wird letztlich gezwungen, für Capricorn Schätze und Reichtümer aus Büchern herauszulesen. Ein Happy End mit Familienzusammenführung ist dennoch möglich, als Meggie entdeckt, dass auch sie die Gabe ihres Vaters besitzt. Sie liest Capricorn eine Geschichte vor, an deren Ende das Böse mit seinen eigenen Mitteln geschlagen wird. Capricorns eigene Schöpfung, der grausame Schatten, reißt die Mörder und Brandschatzer in Stücke, und Meggies Mutter Resa wird aus Capricorns Räuberlager befreit.

Das Leitmotiv des „Herauslesens“ wird mehrmals in den Tanztheaterszenen aufgegriffen, in denen dann je nach Buchvorlage Elfen oder Cheerleader auf der Bühne erscheinen. Die Dynamik des Stücks ergibt sich aus der geschickten Einbindung dieser Tanzelemente und der gelungenen Mischung aus Drohkulisse und Comic Relief: Capricorn hat allerlei ergebene Handlanger um sich geschart, die um die Gunst ihres Herrn buhlen und sich dabei in ihrer abgestumpften Brutalität gegenseitig überbieten. So zeigen Katharina Diehm und Patricia Almasi in ihren Rollen als Basta und Fladdy überzeugend, dass rohe Gewalt keine rein männliche Domäne sein muss. Clemens Raach wiederum sorgt als bücherliebende, kinderhassende Tante Elinor für erheiternde Szenen und für einen Kontrast zur düsteren Handlung. Auch stilistisch hebt sich diese englische Dame vom Oberschurken Capricorn ab, der ebenso gut in eine postapokalyptische Mad Max – Verfilmung gepasst hätte. Insgesamt erlebten die Zuschauer eine gelungene Aufführung, bei denen man den Schauspieler*innen und Tänzerinnen die Freude am Spiel mit Fiktion und Realität ansah.

Jochen Schmidt

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